Anarchie 3.0

Warum das anarchische Organisationsprinzip erfolgreich ist

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Orchester ohne Dirigent

25. Mai 2008 · 3 Kommentare

Das Orpheus Chamber Orchestra in New York ist nicht nur Musikliebhabern, sondern auch Wirtschaftswissenschaftlern ein Begriff. In einem normalen Orchester gibt allein der Dirigent den Ton an. Die Kreativität der einzelnen Musiker wird nicht gebraucht, sie müssen vielmehr das ausführen, was der Mensch mit dem Taktstock sich vorstellt. Im Orpheus Chamber Orchestra hat kein Dirigent irgendetwas zu sagen – das Orchester hat ihn schlichtweg abgeschafft. Dafür ist die Meinung jeder Cellistin und jedes Hornbläsers gefragt.

Gegründet von dem Cellisten Julian Fifer und einigen anderen Hochschulabsolventen in der Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg verfolgte das Orchester von Anfang an einen radikaldemokratischen Ansatz. Das führte dazu, dass für manche Stücke fast zwei dutzend Proben nötig waren – eine ökonomisch und nervlich auf Dauer nicht durchzuhaltende Arbeitsweise. Deshalb entwickelte das Orchester den „Orpheus-Prozess„, bei dem für jedes Stück Konzertmeister und Stimmführer neu festgelegt werden. Diese Gruppe erarbeitet das Konzept für Interpretation und Proben. Bei den abschließenden Proben setzen sich die Orchestermitglieder abwechselnd in den Konzertsaal, um Balance, Klangverschmelzung, Dynamik u.a. zu bewerten. Doch zum einen ist jede ihrer Entscheidungen immer wieder revidierbar, und zum anderen rotieren die Musiker in diesen Funktionen. Während der Proben wird diskutiert und ausprobiert, am Schluss aber dann klar entschieden. Schließlich soll nicht ein Kompromiss zur Aufführung kommen, sondern eine pointierte Interpretation, die in ihrer Art weltweit einzigartig ist. Die Folge: Sowohl die Arbeitszufriedenheit als auch die musikalische Qualität sind im Orpheus Chamber Orchestra sehr hoch.

Von Unternehmensberatungen wird der „Orpheus Prozess“ inzwischen auch als Magagementmethode für nicht-musikalische Teambildungs- und Konfliktlösungsprozesse propagiert. Im Mittelpunkt dieser Methode stehen die zehn Prinzipien des kooperativen Managements:

  1. Lege Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse in die Hände derer, die die Arbeit machen.
  2. Ermutige die Mitarbeiter, sich persönlich für das Produkt und dessen Qualität verantwortlich zu fühlen.
  3. Pflege und erhalte ein Teamwork, das sich auf persönliche Verantwortung stützt.
  4. Sorge dafür, dass Führungsverantwortung geteilt wird und Führungsrollen wechseln.
  5. Sorge für eine jeweils klare Rollenzuteilung innerhalb der Organisation.
  6. Lerne zuzuhören; lerne, aus Überzeugung und mit Entschlossenheit zu sprechen.
  7. Mache aus jedem Mitarbeiter einen Spezialisten und einen Generalisten.
  8. Strebe nach exzellenter Leistung durch Konsensbildung und schaffe Strukturen, die Konsensbildung begünstigen.
  9. Pflege und erhalte den Respekt für andere.
  10. Sei leidenschaftlich bei der Sache.

Die anarchischen Organisationsprinzipien des „Orpheus Prozesses“ lassen sich in jeder kooperativen Organisation nutzbringend anwenden. Den dramatischen Unterschied zwischen der traditionellen und der Methode des „Orpheus Prozesses“ beschreibt Don Palma, eines der Gründungsmitglieder des Orchesters, wie folgt:

„Ich hatte das Orpheus Orchester ganz am Anfang für ein Jahr verlassen und bin zu den Los Angeles Philharmonikern gegangen. Ich hasste es. Ich mochte es nicht, dass mir die ganze Zeit über gesagt wurde, was zu tun ist und ich so behandelt wurde, als sei ich nichts anderes als ein gehorsamer Soldat, der dort zu sitzen hatte und nur das ausführen durfte, was ihm gesagt wurde. Ich fühlte mich machtlos und ich konnte die Dinge nicht beeinflussen, insbesondere dann nicht, wenn sie nicht gut liefen. Ich fühlte mich frustriert, und es gab nichts, was ich hätte machen können, damit die Dinge besser liefen. Orpheus dagegen hält mich in Schwung. Ich habe die Möglichkeit, die Richtung der Musik in einem gewissen Maße selber zu beeinflussen. Ich denke, dass ist der Grund, warum so viele von uns sich seit so langer Zeit an diesem Projekt beteiligen.“

Jochen Schmück,
Potsdam, 25. Mai 2008

Literatur zum Thema:

  • Seifter, Harvey und Economy, Peter: Das virtuose Unternehmen. Frankfurt/Main: Campus, 2001. 258 Seiten. ISBN-13: 978-359336902

Der Titel ist direkt erhältlich bei aLibro – der Fachbuchhandlung für Anarchie und Anarchismus

Weblinks zum Thema:

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3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Dany // 25. Mai 2008 um 20:15 Uhr

    Interessanter Artikel. Das Orpheus Orchester ist übrigens nicht das einzige Orchesters auf der Welt, das ohne Dirigenten spielt. Auch das Prager Kammerorchester hat aus Prinzip keinen Dirigenten! Gruß, Dany

  • 2 Soheit » Ohne Maestro // 16. November 2009 um 23:03 Uhr

    […] | Orpheus Chamber Orchestra Anarchie 3.0 | Orchester ohne Dirigent This entry was written by Volker, posted on 16.11.2009 at 23:03, filed under Miteinander and […]

  • 3 Unternehmung 2.0 – geht es bald auch ohne Chefs? « Der Mensch – das faszinierende Wesen // 22. Dezember 2010 um 00:26 Uhr

    […] Unternehmensberatungen wird der “Orpheus Prozess” inzwischen auch als Managementmethode für nicht-musikalische Teambildungs- und […]

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