Anarchie 3.0

Warum das anarchische Organisationsprinzip erfolgreich ist

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Let’s Wiki!

7. Februar 2009 · Keine Kommentare

Web 2.0 wird zumeist mit „Mitmach-Internet“ übersetzt. Das ist nicht falsch. Aber diese Interpretation des Web 2.0 greift beim Wiki-Prinzip zu kurz. Denn Wikis sind weit mehr als bloße Mitmach-Einrichtungen. Ihr eigentliches Potential ist es, dass sie Freiräume für die selbstorganisierte Zusammenarbeit von Menschen bieten. Wikis sind Labore, in denen neue Formen der Organisation von Arbeit und Wissen erprobt und gestaltet werden.

Der Wiki-Wiki-Schnellbus in Honolulu
Der Wiki-Wiki-Schnellbus in Honolulu und Namensgeber des Wiki-Prinzips

Das erste echte Wiki, das WikiWikiWeb, wurde am 25. März 1995 von dem US-amerikanischen Softwareentwickler Ward Cunningham ins Internet gestellt. Cunningham benannte das Konzept der„schnellen“ Webseiten, die von jedem Besucher verändert werden können, nach dem Schnellbus „Wiki-Wiki“ auf dem hawaiianischen Flughafen Honululu.

Der Erfolg des Wiki-Prinzips ist eng mit dem Erfolg der weltweiten Open-Source-Software-Bewegung verbunden. Schon bald nach der Inbetriebnahme des WikiWikiWeb entstanden erste Klone der Software und Wikis wurden zu einem populären Online-Tool in der Szene rund um die Freie Software. Gerade für Projekte, die auf der Arbeit von Freiwilligen basierten und nicht von oben her gemanagt wurden, erwiesen sich Wikis als ein ideales Tool zur Planung und Steuerung des gemeinschaftlichen Vorhabens.

Den Durchbruch zu einem Massenmedium erlebte das Wiki-Konzept durch die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Im Januar 2000 hatten die beiden US-Amerikaner Larry Sanger und Jimmy Wales die Nupedia, das erste Projekt zum Aufbau einer Online-Enzyklopädie, gestartet. Doch diesem Projekt war zunächst kein Erfolg beschieden, da der Prozess der Artikelproduktion sehr bürokratisch angelegt war. Die Artikel wurden von motivierten und fachkompetenten Freiwilligen verfasst, deren Texte vor Veröffentlichung einen komplizierten Prozess von Faktenprüfung, Lektorat und redaktioneller Finalisierung überstehen mussten. Dadurch hatten die Nupedia-Artikel zwar eine sehr hohe Qualität, aber das Projekt selbst wuchs sehr langsam.

Im Januar 2001 machte Larry Sanger den Vorschlag, ein Wiki nach Art des WikiWikiWeb als eine Art digitaler „Schmierzettel“ für die Nupedia-Autoren einzurichten. Die unter der Domain wikipedia.com ins Internet gestellte Wiki-Plattform zog zur Überraschung der Nupedia-Redaktion viele neue Autoren an, die gar kein Interesse an der Nupedia selbst hatten. Das Projekt entwickelte eine starke Eigendynamik, die schließlich zur Einstellung der Nupedia und zum legendären Erfolg der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia führte. Bis Ende des Jahres 2001 verfügte die Wikipedia bereits über 20.000 Artikel und erschien in 18 Sprachen. Inzwischen[1] erscheint die Wikipedia in 260 Sprachversionen[2] und allein die englischsprachige Ausgabe beinhaltet über 2.700.000 Artikel (im Vergleich dazu verfügt die Onlineversion der renommierten Encyclopædia Britannica z.Z. über 120.000 Artikel).

In den Folgejahren wurde eine Vielzahl neuer Webportale auf Wiki-Basis gegründet. Das Wiki-Konzept wurde an verschiedene Arten von Texten angepasst, um auch nicht-enzyklopädischen Inhalten gerecht zu werden. Als Schwesterprojekte der Wikipedia erschienen z.B. Wikinews, Wiktionary, Wikibooks, Wikisource, Wikiquote und Wikispecies. Inzwischen gibt es Wikis zu jedem nur denkbaren Thema: Angefangen von „A“ wie Ameisenwiki.de, das über die Biologie von Ameisen informiert, über das DadAWeb.de, dem Portal der deutschsprachigen Anarchie- und Anarchismusforschung, die Wikipedia-Parodie Kamelopedia, die Podopedia.de, die Enzyklopädie der medizinischen Fußpflege, bis hin zu „Z„, wie ZUM-Wiki, einer offenen Plattform für Lehrinhalte und Lernprozesse.

Die regulierte Anarchie der Wikis

Innerhalb der neuen webbasierten Medien ist das Wiki eine ideale Ergänzung zum Blog. Während das Blog (zumeist) die unbearbeitete, eigensinnige Stimme einer Einzelperson zum Ausdruck bringt, macht das Wiki als Medium eher für Gruppen Sinn. Die meisten Wikis sind Arbeitsgemeinschaften von Freiwilligen. Gemeinschaft basiert auf Vertrauen, und Vertrauen ist am ehesten vorhanden, wenn die Beteiligten einander kennen und für ihre Beiträge persönlich verantwortlich sind.

Natürlich sind in einem offenen System wie einem Wiki Konflikte der Benutzer wegen Meinungsverschiedenheiten vorprogrammiert. Dementsprechend haben in allen Wikis die Fragen der Konfliktlösung einen hohen Stellenwert. Mit den herkömmlichen Methoden der Konfliktlösung kommt man in einem Wiki nicht sehr weit. In einem Wiki gibt es eben keine zentrale Instanz, die durch ein Machtwort für „Ordnung“ sorgen kann. Wikis sind im Prinzip dezentrale und nicht-hierarchische Einrichtungen. Es gibt zwar Administratoren und Sysops, die sich vor allem um die technische und inhaltlich-strukturelle Pflege des Wikis kümmern, die auch die Möglichkeit haben, Benutzer zu sperren. Aber eine Benutzer-Sperrung durch einen Administrator erfolgt erst dann, wenn der Konflikt nicht innerhalb der Autoren-Community selbst z.B. mit dem Mittel der Diskussion gelöst werden kann.

Rein technisch betrachtet ist das Wiki keine allzu originelle Erfindung. Das eigentliche Potential des Wikis liegt im sozialen Bereich. Das Wiki bringt Menschen dazu, sich Gedanken über Methoden der sozialen Selbstorganisation zu machen. Wikis sind deutlich mehr als bloße Mitmach-Einrichtungen nach Art der Freien Radios, die wie in Italien ab Mitte der 1970er Jahren mit dem Mittel des „offenen Mikrofons“ versuchten, eine Gegenöffentlichkeit gegenüber den etablierten Medien zu schaffen. Wikis sind Medium und Organisationsplattform zugleich. Sie geben den Menschen die Möglichkeit, in freier Übereinstimmung kollektiv tätig zu werden und dabei über die Art und Weise ihrer Zusammenarbeit selbst zu entscheiden. Das macht Wikis zu einem sozialen Labor, in dem neue Formen der Organisation von Arbeit und Wissen erprobt und gestaltet werden können.

Wikis können durchaus als zeitgenössisches Beispiel für eine gelebte Anarchie (im Sinne von Ordnung ohne Herrschaft) betrachtet werden. Ähnlich wie die regulierten Anarchien unserer vorstaatlichen Vorfahren sind auch die Wiki-Communities unserer Tage auf die freie Übereinstimmung ihrer Mitglieder zur Einhaltung der gemeinschaftlich erarbeiteten Regeln angewiesen. Die meisten Web-Communities regeln den Umgang ihrer Mitglieder über eine sogenannte Netiquette (Kunstwort aus engl. net – Netz und etiquette – Etikette).  Dort, wo keine Zwangsmechanismen eines auf Befehl und Gehorsam basierenden Ordnungssystems existieren, wirkt der moralische Appell und die soziale Sanktion – und das zumeist sogar mit ganz beachtlichem Erfolg.

In Wikis, die keine Zugangsbeschränkung kennen und anonyme Beiträge ermöglichen, kommt es gelegentlich zu sogenannten „Edit-Wars“ (wörtlich: Bearbeitungskriegen), wenn zwei oder mehrere Benutzer abwechselnd die Änderungen des jeweils anderen Benutzers rückgängig machen („revertieren“) oder überwiegend überschreiben, in der Hoffnung, dass der andere irgendwann aufgibt. Dieses Verhalten wird allgemein als asozial abgelehnt, und in den meisten Wikis gibt es Regeln, die dieses Verhalten verbieten und die streitenden Benutzer auf die Diskussionsseite verweisen.

Ein Dauerstreitthema ist in der Wikipedia die Frage der Neutralität von Artikeln. Um zu verhindern, dass Nutzer die Wikipedia für weltanschauliche oder politische Propaganda missbrauchen, wurde für alle Wikipedias die Regel des neutralen Standpunkts („neutral point of view“, NPOV) als verbindliches Prinzip eingeführt. Danach soll ein Artikel so geschrieben sein, dass möglichst viele Autoren ihm zustimmen können. Wenn zu einem Thema mehrere verschiedene Ansichten existieren, dann soll der Artikel diese fair beschreiben, aber nicht selbst Position beziehen. Artikel, deren Neutralität umstritten ist, werden mit einem Neutralitätsvermerk versehen. In der Praxis wird natürlich heftig darüber gestritten, was „allgemein anerkannt“ ist, und welcher Standpunkt an welcher Stelle im Artikel, wenn überhaupt, erwähnt werden soll. Gerade bei kontroversen Themen ist die Einhaltung des neutralen Standpunktes häufig ein mühevoller sozialer Prozess von nicht enden wollenden Diskussionen, der nicht immer von Erfolg gekrönt ist.

Doch das Neutralitäts-Modell der Wikipedia ist nur eine Variante, das Wiki-Prinzip praktisch umzusetzen. Einen anderen Weg geht beispielsweise das ebenfalls auf einer Wiki-Plattform publizierte Lexikon der Anarchie, das bewusst darauf verzichtet, unterschiedliche Standpunkte im Prozess einer kollektiven Konsensbildung miteinander in Einklang zu bringen. Vielmehr begegnet man dem Problem umstrittener Themen und Artikel dort wie folgt:

„Was wir nicht haben möchten, ist den Streit um die „richtige Sicht“ der Dinge innerhalb unserer Beiträge, wie das bei Public-Domain-Publikationen leider häufig der Fall ist. Wer eine andere Sicht hat, soll eben einen eigenen Beitrag zum Thema schreiben, ganz im Sinne der Devise: Zu jedem Beitrag eine/n AutorIn und zu jeden Thema so viele AutorInnen, wie es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Das ist das Sympathische am Anarchismus: Wir müssen uns nicht auf die eine verbindliche Sicht der Dinge einigen. Denn die anarchistische Art, die Dinge zu sehen, ist die Perspektive der Vielfalt.“[3]

Ähnlich wie bei der Wikipedia gibt es auch im Lexikon der Anarchie zu jedem Artikel eine Diskussionsseite, auf der sich die Debatte der unterschiedlichen Meinungen zum Thema entfalten kann.

Der "debatograph"
Der "debatograph" und die aktuelle Diskussion über die Ursachen des Gaza-Konfliktes

Ganz ins Zentrum gestellt wird die Debatte der unterschiedlichen Meinungen und Standpunkte durch den (bislang nur in englischer Sprache existierenden) „Debattographen“ (debategraph.org). Ziel dieses Debatten-Visualisierung-Tools auf Wiki-Basis ist es, die gegensätzlichen Argumente einer Debatte möglichst vollständig für die öffentliche Diskussion zur Verfügung zu stellen. Dadurch werden die Argumente einer Debatte nicht nur immer wieder in Frage gestellt, sondern die Argumentation selbst gewinnt auch an Tiefe, was der Diskussionskultur zugute kommen soll.

Wikis sind offen für alle möglichen Ordnungsysteme. Selbst totalitäre Systeme sind vorstellbar. Die kreativsten Wikis sind aber mit Sicherheit diejenigen, deren Mitglieder ein Maximum an individueller Freiheit genießen und sich dabei ihrer persönlichen Verantwortung für die Gemeinschaft bewusst sind.

Weisheit der Massen oder Digitaler Maoismus?

In der Wiki-Welt ist die Ansicht recht häufig verbreitet, dass es kaum ein Problem gibt, das nicht durch den kollektiven Prozess der Einflussnahme seiner Teilnehmer korrigiert werden kann. Dieses Vertrauen in die „Weisheit der Massen“ oder in die „Schwarmintelligenz“ geht bis hin zur Vision des Internets als einem „globalen Gehirn“, in dem jeder Mensch eine Nervenzelle ist. Vergleichbar mit einem Bienenschwarm oder einem Ameisennest würde das Kollektiv eine „höhere Intelligenz“ hervorbringen, die ein Einzelner der Gruppe nie in dieser Qualität entwickeln könnte.

Gegen diese Auffassung, die mit dem Aufkommen des Web 2.0 selbst in Wissenschafts- und Wirtschaftskreisen zahlreiche Anhänger gefunden hat, regt sich mittlerweile vermehrt Widerspruch. Einer der prominenten Kritiker dieser „Schwarmgeist-Philosophie“ ist ausgerechnet Larry Sanger, der seinerzeit die Idee zur Nutzung des Wiki-Prinzips für die Nupedia hatte und damit die entscheidenden Weichen für den Erfolg der Wikiedpia gestellt hat. In Opposition zur Wikipedia gründete Sanger 2006 das Citizendium (the Citizens‘ Compendium = Bürgerkompendium), ein neues wiki-basiertes Enzyklopädie-Projekt, das sich eher an herkömmlichen editorialen Standards orientiert und in dem die Autoren mit ihren Realnamen publizieren. An der Wikipedia kritisierte Sanger vor allem deren mangelnde Zuverlässigkeit und den bisweilen recht rüden Umgang der Wikipedianer untereinander.

Zu einer grundsätzlich kritischen Einschätzung der „Schwarmintelligenz“ kommt der Internet-Pionier Jaron Lanier in seinem 2006 veröffentlichten Aufsatz „Digitaler Maoismus“:

„Es ist gut zu verstehen, was den Trugschluss des Kollektivismus für große Organisationen so attraktiv macht: Wenn es ein unfehlbares Grundprinzip gibt, müssen die Einzelnen keine Risiken eingehen und keine Verantwortung übernehmen. Das passt zu den enormen Unsicherheiten und der geradezu pathologischen Angst vor Verantwortung in unserer Zeit. Gleichzeitig müssen wir in Institutionen funktionieren, die keiner Führungskraft mehr verpflichtet sind. Jeder Einzelne, der Angst davor hat, innerhalb seiner Organisation das Falsche zu sagen, kann sich deswegen immer auf der sicheren Seite wähnen, solange er sich hinter einem Wiki oder ähnlichen Ritualen von Meta-Aggregaten verstecken kann.

Nun ist das Kollektiv nicht von Natur aus dumm. Weil die Höhe- und Tiefpunkte seiner Intelligenz nicht die gleichen sind wie bei Individuen, kann es sogar sehr wertvoll sein. (…) Das Kollektiv kann immer dann Klugheit beweisen, wenn es nicht die eigenen Fragestellungen definiert; wenn die Wertigkeit einer Frage mit einem schlichten Endergebnis, wie einem Zahlenwert festgelegt werden kann; und wenn das Informationssystem, welches das Kollektiv mit Fakten versorgt, einem System der Qualitätskontrolle unterliegt, das sich in einem hohen Maße auf Individuen stützt. Wenn nur eine dieser Vorgaben wegfällt, wird das Kollektiv unzuverlässig. Ein Individuum entwickelt dagegen ein Höchstmaß an Dummheit, wenn es mit umfangreichen Machtfunktionen ausgestattet und gleichzeitig von den Folgen seiner Handlungen abgeschirmt wird.“[4]

 

Fazit

Die Erfolgsgeschichte der Wikipedia zeigt, welch enormes sozialpolitisches Potential in den kollaborativen Medien steckt. Aber die Wikipedia repräsentiert nicht das Wiki-Prinzip an sich, sondern sie ist nur eine von vielen möglichen Interpretationen. Wikis sind offene Systeme, deren Regeln von denen festgelegt werden, die sie nutzen. Nach meiner Erfahrung funktionieren Wikis immer dann gut, wenn sie von einer kleinen und engagierten Community getragen werden, deren Mitglieder sich persönlich kennen, und die einen Konsens über den Umgang untereinander erlangt haben. Freiheit kann nur dort existierten, wo sie vom Geist der persönlichen Verantwortung getragen wird.

Das Wiki-Prinzip wird unsere Welt verändern. Und dies gilt nicht nur für die Art und Weise, wie wir Informationen sammeln und uns mit anderen abstimmen. Wikis geben uns die Möglichkeit, neue praktische Erfahrungen in der sozialen Selbstorganisation zu machen, die auch außerhalb des Cyberspace Sinn machen. Nutzen wir diese Chance: Let’s Wiki!

Jochen Schmück,
Potsdam 7. Februar 2009

Dieser Beitrag wurde für das im März 2009 erscheinende Themenspecial „Web 2.0“ der Zeitschrift CONTRASTE . Monatszeitung für Selbstorganisation verfasst.

Werblinks zum Thema:


[1] Alle in diesem Beitrag als aktuell bzw. als gegenwärtig bezeichneten Angaben stammen von Januar 2009.

[2] Die deutschsprachige Wikipedia wurde im März 2001 als erste weitere Sprachausgabe nach der englischsprachigen Ur-Wikipedia gegründet. Mit über 850.000 Artikeln ist sie heute nach der englischen die zweitgrößte Wikipedia-Ausgabe und damit vermutlich  auch das zweitgrößte Wiki der Welt.
[3] Projektbeschreibung des Lexikons der Anarchie (Stand: 28.01.2009).
[4] Jaron Lanier: Digitaler Maoismus, Süddeutsche Zeitung, Nr.136, Freitag, den 16. Juni 2006, Online-Version.

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