Anarchie 3.0

Warum das anarchische Organisationsprinzip erfolgreich ist

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Hallo Welt!

25. Mai 2008 · 2 Kommentare

Willkommen im Blog des Forschungs- und Publikationsprojektes Anarchie 3.0. Der Begriff „Anarchie 3.0“ wird für die anarchoiden (d.h. hier: mutualistischen und dezentralistischen) Tendenzen verwendet, wie wir sie seit einigen Jahren verstärkt in Wirtschaft und Gesellschaft beobachten können.In der Chronologie der zwei vorherigen Anarchien definiert sich die Anarchie 3.0 wie folgt:

  • Anarchie 1.0: Die „regulierte Anarchie“ der herrschaftsfreien Stammesgesellschaften der Jäger und Sammler, Nomaden und Bauern. Als soziales Organisationsprinzip ein Erfolgsmodell: Denn diese Art der Anarchie ist nicht nur die älteste, sondern auch die am weitesten verbreitete Form von Gemeinwesen in der Geschichte der Menschheit gewesen. (Siehe hierzu vor allem die anthropologischen bzw. ethnologischen Studien von Harold Barclay: „Völker ohne Regierung“, Pierre Clastres: „Staatsfeinde“ und Christian Sigrist: „Regulierte Anarchie“).
  • Anarchie 2.0: Die Ende des 18. bzw. Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene und bislang unrealisiert gebliebene Vision einer Anarchie, wie sie von den ideologischen Vertretern des klassischen, aber auch des neuen Anarchismus propagiert worden ist. Diese Utopie einer mit politischen Mitteln angestrebten sozialen Anarchie muss (wohl nicht nur aus realpolitischer Sicht) als historisch gescheitert betrachtet werden. (Zu den Klassikern des Anarchismus siehe: Paul Eltzbacher: Der Anarchismus; zum neuen Anarchismus siehe: Hans J. Degen & Rolf Raasch <Hrsg.>: Die richtige Idee für eine falsche Welt?).
  • Anarchie 3.0: Die „praktische (und d.h. hier: nicht-deklarierte) Anarchie“ der mutualistischen und dezentralistischen Entwicklungstendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, wie wir sie seit Beginn des sog. „Informationszeitalters“ insbesondere in den fortgeschrittenen Industriestaaten beobachten können. Die Gesellschaft ist im Umbruch. Besonders deutlich wird dies in der Konsum- und Produktionssphäre: Konsumenten werden zu Produzenten, die sich in freien Vereinigen von Prosumenten zum Vorteil des Einzelnen und Aller zusammenschließen. Organisatorische und soziale Hierarchien werden abgebaut sowie sie die freie Entwicklung des Netzwerkes der Prosumenten stören. Besitzverhältnisse werden nicht nur in Frage gestellt, sondern auch radikal umgestaltet. Neue Ökonomien entstehen, die an die mutualistischen Schenk- und Tauschwirtschaften unserer staatslosen Vorfahren erinnern.

Die Anarchie 3.0, also die „praktische Anarchie“ der Gegenwart, ähnelt tlw. frappierend der „regulierten Anarchie“ unserer antistaatlichen Vorfahren. Deren Anarchie (also die Anarchie 1.0) hat wiederum mit der Anarchie 2.0 (der „Anarchie der Anarchisten“) so gut wie nichts zu tun, und das gleiche gilt für das Verhältnis von Anarchie 2.0 und Anarchie 3.0. Zwischen den einzelnen Anarchien (1-3) liegt jedes Mal ein gravierender „Systemsprung“, der die jeweils jüngere Anarchie gegenüber der älteren als etwas originär Neues erscheinen lässt, da sie in keiner direkten Kontinuität zur vorhergehenden Anarchie steht.

Weitere Infos zum Projekt sowie die Dokumentation der Forschungsergebnisse finden sich hier auf den Seiten des Projektblogs. Jeder, der sich an der Diskussion über die Anarchie 3.0 beteiligen möchte, ist hierzu herzlich eingeladen!

Jochen Schmück,
Potsdam, 25. Mai 2008

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2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 sebastian // 27. Juni 2008 um 18:09 Uhr

    hallo!
    wollt nur kurz ma mein respekt hier bekunden…
    schaut bisher schon gut aus, vom style (endlich ma keine depressiv machende a-seite g) und auch von den (leidr noch wenigen) beiträgen. weiter so!
    gruß

  • 2 Rolf Raasch // 12. Februar 2009 um 20:01 Uhr

    Hallo,
    man darf wirklich gepannt sein. Es geht ja wohl auch um eine Bestandsaufnahme – sozusagen eine aktuelle und zu erwartende „Leistungsschau“ der Anarchie. Also das, was an Anarchie wirklich funktioniert und womit Neuzeitmenschen auch was anfangen können, abseits dieses ewigen negativen Fixiertsein auf das sog. „System“, das uns angeblich an Allem hindert.

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