Anarchie 3.0

Warum das anarchische Organisationsprinzip erfolgreich ist

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Die Propheten — Eine paradoxe Geschichte

28. Mai 2008 · 1 Kommentar

In der Geschichte der Menschheit hat es immer wieder Propheten und andere messianische Gestalten gegeben, die in Krisen- und Umbruchzeiten die Herrschaft erlangten und dem politischen Systemwechsel den Weg geebnet haben. Max Weber zufolge besitzt der Prophet folgende besondere Qualifikationen, um Notlagen zu meistern:

„Die ’natürlichen‘ Leiter in psychischer, physischer, ökonomischer, ethischer, religiöser, politischer Not waren weder angestellte Amtspersonen noch Inhaber eines als Fachwissen erlernten und gegen Entgelt geübten ‚Berufs‘ im heutigen Sinn dieses Wortes, sondern Träger spezifischer, als übernatürlich (im Sinn von: nicht jederman zugänglich) gedachter Gaben des Körpers und des Geistes.“ (Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 662)

Die außergewöhnliche Situation ist Weber zufolge die Grundvoraussetzung für die charismatische Herrschaftsbildung:

„Die Schöpfung einer charismatischen Herrschaft in dem geschilderten ‚reinen‘ Sinn ist stets das Kind ungewöhnlicher äußerer speziell politischer oder ökonomischer oder innerer seelischer, namentlich religiöser Situationen oder beider zusammen und entsteht aus der einer Menschengruppe gemeinsamen, aus dem Außerordentlichen geborenen Erregung und aus der Hingabe an das Herrentum gleichviel welchen Inhalts.“ (ebd., S. 669)

Der Prophet als Wegbereiter der Staatlichkeit

Der Nuer-Prophet Ngundeng. Volkstümliche Darstellung
Der Nuer-Prophet Ngundeng. Volkstümliche Darstellung
Der Soziologe Christian Sigrist hat sich in seiner Untersuchung zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Geselllschaften Afrikas eingehender mit dem Phänomen des Propheten beschäftigt. Einer der bekanntesten Propheten der im Südsudan lebenden Nuer war Ngundeng. Sigrist beschreibt den Propheten, der auch heute noch bei den Nuer ein hohes Ansehen genießt, wie folgt:

„Durch ausgedehntes Fasten und lange Zurückgezogenheit und sonstiges abnormes Verhalten, durch Heilungen von Unfruchtbarkeit und Krankheiten und Prophezeiungen (so sagte er zum Beispiel Viehseuchen voraus) und erfolgreiche Züge gegen die Dinka wurde er ein berühmter Prophet. Seine Visionen hatte er häufig auf dem Dach seines Viehstalls. Diese Gewohnheit veranlasste wohl die Erbauung des fast 20 Meter hohen Erdkegels (in der Literatur häufig als Pyramide bezeichnet), an der sich auch sein Sohn Gwek beteiligte. Auf der Spitze dieses Monumentes erlebte Gwek seine Visionen. Der Geist des Vaters ging nach dessen Tod im Jahr 1906 unter ‚Übergehung‘ der älteren Brüder auf Gwek über.“ (Sigrist: Regulierte Anarchie, S. 209 f.)

An die außeralltäglichen Erscheinungen des Propheten hängt sich der Wunderglaube der Entwurzelten, Ratlosen und Ängstlichen, die sich in ihrer Existenz durch die ökonomischen, politischen oder kulturellen Umbrüche bedroht sehen. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wunder sind gefragt. Doch Wunderlichkeit allein garantiert jedoch noch nicht die Entfaltung des Wunderglaubens, in dem die Macht und Herrschaft des Propheten wurzeln. Es müssen schon echte Wunder wie Heilungen sein und zumindest bei den Lugbara und Nuer lassen sich die realen Erfolge der Propheten auch empirisch nachweisen. Das Beispiel des Volkes der Rembes zeigt allerdings, dass der Charismatiker auch unter einem Zwang steht, sein Charisma durch sichtbare Erfolge immer neu zu beweisen. Sichtbare Erfolge gegen unterlegene wie überlegene fremde Gruppen ermöglichten den Nuer-Propheten die Übernahme neuer politischer Funktionen, wie z.B. der rechtlichen Schlichtung von Streitfällen zwischen Einheiten, zwischen denen vorher kein Wergeld gezahlt wurde. In allen bekannten Bewegungen, die durch Propheten initiiert wurden, verdankt der Prophet seine Autorität und Macht der Lösung von ‚Außenproblemen‘, die sowohl politischer als auch ökonomischer oder auch kultureller/religiöser Natur sein konnten. Unterschiedlich ist der Grad, in dem die Propheten die Beziehungen innerhalb ihrer Gefolgschaft kontrollierten.

Das Auftreten von Propheten bei Zunahme des auf eine Gesellschaft wirkenden äußeren Drucks scheint also eine nicht selten zu beobachtende Bedingung für die Entstehung von Zentralinstanzen in den segmentären Gesellschaften zu sein, wobei unter äußerem Druck interethnischer Druck und/oder biotischer Umweltdruck zu sehen ist. Das soziale Netz der „regulierten Anarchie“ zerreisst. Der Staat übernimmt die politische Kontrolle und Steuerung der Gesellschaft.

Der Prophet als Rückeroberer der Anarchie

John Ball, der Anführer der Bauernrevolte von 1381 in England
John Ball, der Anführer der Bauernrevolte von 1381 in England
Paradox wird die Geschichte dadurch, dass sich das Phänomen des Propheten auch in der politischen Umkehrung wiederfindet. Plötzlich ist der Prophet die „Speerspitze“ einer Bewegung, die auf die Rückeroberung der traditionellen Anarchie ausgerichtet ist. So traten im Mittelalter und in der Reformationszeit immer wieder Propheten und messianische Gestalten auf, die den Anbruch des Millenniums, des Tausendjährigen Reiches Christi, verkündeten. Und das war verdammt nahe am Paradies. Zulauf fanden diese Ketzer, Geißler und Weltuntergangsprediger vor allem bei den Armen, den Entwurzelten und von der Kirche Enttäuschten, die nichts zu verlieren hatten und vom irdischen Paradies alles erhofften. Norman Cohn hat in seiner Untersuchung des mittel- und westeuropäischen Millenarismus aufgezeigt, wie die Heilsbotschaften dieser Propheten die Massen in den Bann schlugen und Bewegungen auslösten, die zu einer echten Gefahr für die feudale Gesellschaft und die kirchliche Orthodoxie wurden:

„Kommt man schließlich zu den im Ausgang des Mittelalters aufschießenden anarcho-kommunistischen millennialen Gruppenbildungen, so fällt ein Umstand sofort ins Auge: wann immer eine solche Gruppe zutage trat, war eine große Revolte oder gar eine Revolution im Gange. Das trifft auf John Ball und seine Anhänger anläßlich des englischen Bauernaufstands von 1381 ebenso zu wie auf die Extremisten in den ersten Stadien der böhmisch-hussitischen Revolution 1419-21 und auf Thomas Müntzer nebst seinem ‚Bund der Auserwählten‘ im deutschen Bauernaufstand von 1525. Und das gilt auch für die radikalen Wiedertäufer in Münster – denn die Aufrichtung ihres ‚Neuen Jerusalem‘ erfolgte am Ende einer ganzen Reihe von Revolten, nicht nur in Münster, sondern in allen nordwestdeutschen Fürstbistümern. In allen diesen Fällen richtete sich die Massenerhebung an und für sich auf begrenzte und realistische Ziele; dennoch nährte die Atmosphäre der Massenerhebung jedesmal eine besondere Art millennialer Gruppenbildung. Wenn die sozialen Spannungen stiegen und die Revolte die ganze Nation erfaßt hatte, pflegte stets irgendwo am radikalen Flügel des Geschehens ein Pseudoprophet mit seiner Gefolgschaft von Armen aufzustehen, dessen Ziel es war, diese spezielle Rebellion zum apokalyptischen Ringen, zur endgültigen Läuterung der Welt auszuweiten.“ (Norman Cohn: Das neue irdische Paradies, S. 315)

Auch im Typus ähneln die von Cohn beschriebenen mittelalterlichen Charismatiker denen, die Sigrist am Beispiel der segmentären Gesellschaften Afrikas dokumentiert hat:

Üblicherweise verfügte ein Prophet über eine persönliche Ausstrahlung, die es ihm unter Aufbietung all seiner Glaubwürdigkeit erlaubte, zu behaupten, Träger einer einmaligen Mission zu sein. Die Geschichte sollte ihrer von Ewigkeit her vorgesehenen Vollendung zugeführt werden. Dieser von den Pseudopropheten erhobene Anspruch beeinflußte die sich um sie scharenden Gruppen aufs tiefste. Denn was der Prophet versprach, war nicht allein eine Möglichkeit, das Los zu verbessern und den drückenden Sorgen zu entfliehen, sondern verkörperte mehr noch und vor allem die Aussicht, eine göttlich vorausbestimmte Mission von gewaltiger, einmaliger Tragweite zu vollziehen. Dieser Phantasie kam eine ernst zu nehmende Rolle zu; durch sie war die Flucht aus Isolation und Entwurzelung und eine emotionale Kompensation der niederen Herkunft möglich. Diese Phantasien brachten sie unter den Bann der Propheten. Die Folge war, daß sich eine Gruppe besonderer Prägung bildete — eine ruhelos dynamische und völlig erbarmungslose Gemeinde, die, von der apokalyptischen Vision besessen und von ihrer eigenen Unfehlbarkeit überzeugt, sich weit über die übrige Menschheit stellte und nichts neben der ihre anvertrauten Mission gelten ließ. Schließlich mochte es dieser Gruppe – wenn auch nicht immer – gelingen, der großen Masse der Entwurzelten, Ratlosen und Ängstlichen ihre Führerschaft aufzuzwingen.“ (ebd., S. 316)

Dieser Typus des Wendezeit-Propheten lässt sich bis in die jüngere Neuzeit nachweisen. Beispielhaft sind die sog. „Inflationsheiligen“ der Weimarer Republik, also die Bewegung von Wanderpredigern, Propheten und selbsternannten Christus-Wiedergängern, die ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren hatte. Den Nährboden für diese Heils- und Erweckungsbewegungen bildete in Deutschland die ökonomische und politische Dauerkrise nach dem verlorenen 1. Weltkrieg. Bei den Inflationsheiligen verbanden sich religiös-schwärmerische Züge mit Zivilisationsfeindlichkeit und diffus revolutionärer Gesellschaftskritik. Politisch gab es Verbindungen sowohl zur anarchistischen Bewegung als auch zu rechten völkischen Gruppen. Gemeinsam war den Anhängern dieser „Propheten“ die Erwartung eines ”Messias“, so wie sie in jener Zeit auch in der Politik zu beobachten war – etwa in der Stilisierung Adolf Hitlers zum „Erlöser“ Deutschlands.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass das Erscheinen von Propheten typisch für Krisen- und Umbruchzeiten ist. Die von den Charismatikern initiierten Bewegungen fungieren als Katalysatoren des gesellschaftlichen Wandels. Sowie sich die gesellschaftliche Ordnung wieder stabilisiert hat, verliert der Prophet an Bedeutung.

Jochen Schmück,
Potsdam, 28. Mai 2008

Literatur

  • Cohn, Norman: Das neue irdische Paradies: Revolutionärer Millenarismus und mystischer Anarchismus im mittelalterlichen Europa. – Mit einem Nachwort von Achatz von Müller. – Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1988
  • Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre. Berlin: Siedler-Verlag 1983
  • Sigrist, Christian: Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas. 4. erw. Aufl., Münster: LIT Verlag, 2005
  • Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, 2 Bde., Tübingen 1956
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