Anarchie 3.0

Warum das anarchische Organisationsprinzip erfolgreich ist

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Anarchism Reloaded oder Anarchy Alive?

27. Mai 2010 · 1 Kommentar

Buchbesprechung:

Uri Gordon, der Autor von "Hier und Jetzt. Anarchistische Praxis und Theorie" (2010)
„Die Proteste gegen den Weltwährungsfonds und die Weltbank in Prag lagen gerade hinter uns, die frische antikapitalistische Brise war überall spürbar, und ich war begierig, dabei zu sein. Ich hatte in Israel an Friedens- und Umwelt-Aktionen teilgenommen und Marx, Marcuse und Kropotkin gelesen. Und nun ging ich zu einem Treffen mit Aktivistinnen und Aktivisten, die aus Prag zurückgekehrt waren. Wenige Wochen später organisierten wir eine Demo vor einem Vorlesungssaal in Oxford, wo der ehemalige Chef des IWF, Michel Camdessus, geehrt wurde. Bald war ich mehr mit Aktivismus als mit Studieren beschäftigt. Ich beteiligte mich immer intensiver an alternativen Globalisierungsnetzwerken und an dem, was Aktivistinnen und Aktivisten verächtlich als »Gipfel-Hopping« bezeichnen. Ich wurde in Nizza mit Tränengas traktiert, in London eingekesselt und entkam in Genua nur knapp einer ziemlich üblen Prügelei. Nach dem 11. September 2001 entstanden die Antikriegsbewegungen, und allmählich grenzten sich die Reformer immer deutlicher von den Revolutionären ab. Zu dieser Zeit etwa wurde mir auch klar, dass ich mein Studium keineswegs vernachlässigte. Ich konnte meinen Aktivismus einfach als Feldstudien deklarieren und meine akademische Arbeit so ausrichten, dass sie für Aktivistinnen und Aktivisten nützlich sein würde. Dabei ist dieses Buch herausgekommen.“

So beschreibt der israelische Anarchist Uri Gordon die „Geburtsstunde“ seines 2008 veröffentlichten Buches „Anarchy Alive! Anti-authoritarian Politics from Practice to Theory“, das 2010 in der Edition Nautilus in deutscher Übersetzung unter dem Titel: „Hier und Jetzt. Anarchistische Praxis und Theorie“ erschienen ist. Gordon war im Oktober 2000 nach Europa gekommen, um in Oxford seine Dissertation ursprünglich über Umweltethik zu schreiben. Daraus wurde erst einmal nichts aus den eingangs von ihm selbst erwähnten Gründen.  Seine in der Bewegung der radikalen „Globalisierungskritiker“ gemachten Erfahrungen hat Gordon in seinem Buch über die zeitgenössische anarchistische Politik verarbeitet.

Uri Gordon zufolge ist in den vergangenen zehn Jahren eine neue globale anarchistische Bewegung entstanden, wie es sie seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat:

„Von antikapitalistischen Zentren und ökofeministischen Höfen bis zu Basisorganisationen auf Gemeinde-Ebene, Blockaden internationaler Gipfeltreffen, alltäglichen direkten Aktionen und einer enormen Menge an Publikationen und Websites – Anarchie lebt im Herzen der globalen Bewegung, die erklärt: »Eine andere Welt ist möglich.« Das Ende der Geschichte, das 1989 ausgerufen wurde, hat sich keineswegs eingestellt. Vielmehr sind die Verbreitung und Erweiterung anarchistisch inspirierter Kämpfe und Politik  – weitgehend in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern – seither eine bedeutende  Antriebskraft hinter dem Widerstand gegen den Neoliberalismus und den permanenten Krieg. Das Wort selber kann Grund zum Stolz sein oder auch eine unnötige Belastung oder ein vernachlässigbares Accessoire. Positive Umschreibungen gibt es ohne Ende: anti-autoritär, autonom, horizontal … aber wenn du sie siehst, erkennst du sie sofort – Anarchie ist überall.“

„Hier und Jetzt!“ will ein anarchistisches Buch über Anarchismus sein, und das Hauptanliegen seines Autors ist es, einen Beitrag zur anarchistischen politischen Theorie zu leisten. Die anarchistische politische Theorie, auf die sich Gordon bezieht, um sich dem neuen „Anarchismus“ anzunähern, hat ihre Wurzeln überwiegend in der angloamerikanischen anarchistischen Bewegung und ihrer Literatur. Gleichzeitig fließen in die Studie, seine Erfahrungen ein, die er in der Bewegung der radikalen Globalisierungskritiker in Europa sammelte, was zu einem Brückenschlag  zwischen angloamerikanischer Theoriediskussion und kontinentaleuropäischem Aktionsanarchismus führt.  Dabei wird Manches anders als hierzulande und einiges sogar neu buchstabiert.

In seiner Studie untersucht Gordon die Entwicklung anarchistischer Gruppen, Aktionen und Ideen der letzten Jahre. Er versucht dabei aufzuzeigen, was eine Theorie, die auf der Praxis aufbaut, für die zentralen Debatten und Problemstellungen leisten kann, die die Bewegungen heute umtreiben. Unter „Anarchismus“, so wie er von Gordon definiert wird, ist mindestens Dreierlei zu verstehen:

Erstens ist Anarchismus eine zeitgenössische soziale Bewegung, die sich aus dichten Netzwerken vieler Einzelner, von Bezugsgruppen und Kollektiven zusammensetzt. Sie kommunizieren intensiv, teilweise weltweit und stimmen sich bei einer Vielzahl direkter Aktionen und andauernder Projekte miteinander ab. Die durch und durch dezentrale und netzwerkartige Struktur der anarchistischen Bewegung scheint manchmal verwirrend – all die Aktivitäten entfalten sich gewöhnlich ohne formelle Mitgliedschaften oder feste organisatorische Abgrenzungen.

Zweitens ist Anarchismus die Bezeichnung für eine komplexe politische Kultur, die diese Netzwerke inspiriert und mit Inhalt füllt – wobei der Begriff hier eine Gruppe gemeinsamer Orientierungen bezeichnet, die das politische Handeln und das Reden darüber sowie auch das tägliche Leben ausrichten. Kennzeichnend für diese Kultur sind:

  • ein gemeinsames Repertoire politischer Aktionsformen auf der Grundlage der direkten Aktion, des Aufbaus von Alternativen »von unten«, von Kontakten und Konfrontation auf lokaler Ebene;
  • gemeinsame Organisationsformen: dezentralisiert, horizontal und konsensorientiert;
  • eine gemeinsame Kultur in so unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Musik, Kleidung und Essgewohnheiten, häufig angelehnt an westliche Subkulturen;
  • eine gemeinsame politische Sprache, der es auf Widerstand gegen den Kapitalismus, den Staat, das Patriarchat und allgemein gegen Hierarchien und Dominanz ankommt.

Die anarchistische politische Sprache transportiert selber eine dritte Bedeutung von Anarchismus – Anarchismus als Sammlung von Ideen. Anarchistische Ideen sind theoretisch ausgefeilt und befinden sich zugleich im Fluss unablässiger Weiterentwicklung. Der Inhalt zentraler anarchistischer Gedanken ändert sich von einer Generation zur nächsten und ist nur vor dem Hintergrund der Bewegungen und Kulturen zu verstehen, in denen und durch die sie ausgedrückt werden.“

Diese von Uri Gordon dergestalt definierte neue anarchistische Bewegung hat erkennbar geringe Berührungspunkte mit dem traditionellen Anarchismus. Gordon meint sogar Anzeichen eines Paradigmenwechsel des Anarchismus zu erkennen, der „heutzutage durch und durch heterodox ist, aktionsbezogen und darauf aus, zu gewinnen“.

Der neue Anarchismus, wie ihn Gordon definiert, ist ein theoretisches Konstrukt. Denn die Bewegung, die der Autor als die neue anarchistische Bewegung untersucht und beschreibt, versteht sich von ihrem Selbstverständnis her wohl eher selten als „anarchistisch“. Der Begriff „Anarchismus“ dient Gordon als ein theoretischer Sammelbegriff, unter dem die unterschiedlichsten Einzelbewegungen, wie z.B. die Ökologiebewegung, der Feminismus, die Schwulenbewegung, die Bewegung für Tierrechte, der „Schwarze Block“ und nicht zuletzt auch die formellen und informellen Gruppen der erklärten Anarchisten  und Anarchistinnen als eine gemeinsame soziale Bewegung berücksichtigt werden. Aber genauso gut könnte man diese Bewegung unter dem Sammelbegriff der „Neuen Sozialen Bewegungen“ verbuchen. Eine Zeitlang wurde hierzulande diese ideologisch und von ihren Aktionsformen her heterogene Protestbewegung auch als „Alternativbewegung“ bezeichnet.  Das sind Schubladenbegriffe der Wissenschaft, mit denen in der realen Praxis der sozialen Bewegungen nur selten jemand etwas anfangen kann.

Unbestritten bleibt jedoch, dass es in dieser bunten rebellischen neuen sozialen  Bewegung, die sich seit einigen Jahrzehnten als Alternative zu den bestehenden  Herrschaftssystemen gebildet und artikuliert hat, ein diffuses anarchistisches Milieu gibt. Ich würde es allerdings eher als ein anarchisches Milieu bezeichnen. Denn wie Gordon selbst auch einräumt, orientieren sich nur die Wenigsten in dieser Bewegung explizit am Anarchismus welcher Spielart auch immer. Was Gordon in seiner Studie beschreibt, ist eher die Kultur einer intuitiv gelebten Anarchie und weniger eine bewusst reflektierte ideologische Einstellung, wie sie etwa von den erklärten Anarchisten vertreten wird.  Das ändert nichts am Phänomen der Rückkehr einer Kultur der Anarchie , für das sich auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen Belege finden lassen. Die Differenzierung zwischen anarchisch und anarchistisch hilft jedoch politische Fehlinterpretationen zu vermeiden.

Die Untersuchung dieses anarchischen Milieus, das sich zu einem globalen Phänomen der unterschiedlichsten widerständischen Bewegungen entwickelt hat, macht die eigentliche Stärke von Gordons Studie aus. Aus einer quasi  anthropologischen Perspektive heraus (tlw. auch in expliziter Anlehnung an die Anthropologen David Graeber und Jeff Juris) versucht Gordon aufzuzeigen, „was die Bewegung bewegt“.  Dabei berücksichtigt er die Perspektiven, Dilemmata und Kontroversen der neuen „anarchistischen“ Bewegung, die erst innerhalb der real stattfindenden antiautoritären Kämpfe für gesellschaftliche Veränderungen zutage treten. Eingehend beschäftigt sich Gordon mit der Frage der internen Hierarchien und der Macht innerhalb der Netzwerke dieser Bewegung und verfolgt daran anschließend die Frage nach der Definition, der Rechtfertigung und der Effizienz politisch begründeter Gewalt. Des Weiteren berücksichtigt er die Kontroverse Technologie versus Moderne innerhalb der Bewegung.

Im abschließenden Kapitel, das für mich zu dem Spannendsten seines Buches gehört,  setzt sich Gordon mit dem Verhältnis des Anarchismus zu den nationalen Befreiungsbewegungen auseinander. Diese für Anarchisten in vielerlei Hinsicht heikle Problematik erläutert er am besonderen Fall Palästina/Israel. Gordon berichtet dabei aus erster Hand von seinen Erfahrungen in einer Gruppe israelischer Aktivisten, die sich bemüht, die Barrieren zwischen israelischen und palästinensischen Gebieten abzubauen. Seit Beginn der zweiten Intifada konzentrieren sich die Aktivitäten dieser Gruppe auf die Besatzung in Palästina und wendeten sich insbesondere gegen den Bau der Apartheids-Mauer, was auch zu ihrer späteren  Namensgebung „Anarchists against the Wall“ führte. Unter den Palästinensern gibt es einige verwandte Seelen und viele Verbündete, aber keine  anarchistische Bewegung. Doch hat sich in den letzten Jahren eine Allianz zwischen palästinensischen Gemeinden, israelischen und internationalen Aktivisten gebildet.

Natürlich sind in einem Kontext wie dem israelisch-palästinensischen die Aussichten anarchistischer Politik besonders trübe. Jahrzehnte der Besatzung und bewaffneten Auseinandersetzungen haben eine schwer lastende Hypothek der Angst und des Misstrauens hinterlassen. Man versteht Gordon, wenn er schreibt: „Mitten in all dem täglichen Schrecken von Tod und Demütigung, gegenseitiger Unkenntnis, Angst und Hass würde man gerne etwas Positives über die Aussichten für einen »echten Frieden« in der Region sagen können.“ Uri Gordon versucht eine solche positive Perspektive zu entwickeln, indem er für den jüdisch-palästinensischen Konflikt eine „Kein-Staat-Lösung „ aufzeigt, die als jüdisch-palästinensische Graswurzelbewegung das Gemeinsame der Menschen in der Region beansprucht  und sich in Richtung direkter Demokratie, einer partizipativen Ökonomie und echter Autonomie für die in ihr lebenden Menschen bewegt.

„Hier und Jetzt!“ ist ein Buch, mit dem ich in diversen Aspekten nicht übereinstimme.  Dennoch möchte ich es zur Lektüre empfehlen. Es ist ein anregendes Buch mit frischen Ideen, das geeignet ist, die Theorie und die Praxis des Anarchismus einmal grundsätzlich in Frage zu stellen und neu zu überdenken.

Jochen Schmück,
Potsdam im Mai 2010


Die Daten zum Buch:

Hier und Jetzt. Anarchistische Praxis und Theorie. Von Uri Gordon. Aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg (Original: Anarchy Alive! Anti-Authoritarian Politics from Practise to Theory, London: Pluto Press, 2088). Deutsche Erstausgabe. Erschienen im Februar 2010 in der Edition Nautilus, Hamburg. Broschur, 256 Seiten. ISBN 978-3-89401-724-8, 18,00 €.

Der Titel ist direkt erhältlich bei aLibro – der Fachbuchhandlung für Anarchie und Anarchismus


Interview (engl.) mit Uri Gordon über sein Buch „Hier und Jetzt“ und die Gruppe israelischer Friedensaktivisten „Anarchists against the Wall“ (The Struggle, Sept. 2009)
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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Seb. // 12. Juli 2010 um 12:28 Uhr

    Danke für den Tipp 🙂

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